Rigolen — Rasen in ein Gemüsebeet verwandeln

Übernimmt man einen bestehenden Garten oder möchte weitere Flächen als Nutzgarten umgestalten, hat man es meist mit Rasenflächen zu tun. Rasen ist prinzipiell ja nichts anderes als eine Mischung diverser Gräser. Gräser haben die in diesem Fall unerwünschte Eigenschaft, dass sie äußerst widerstandsfähig sind. Es würde also nicht helfen mit „leichtem Gerät“ auf den Rasen einzuwirken, um ihm damit den Garaus zu machen, um schon morgen Gemüse säen zu können. Der Rasen würde definitiv gewinnen.

Deswegen helfen eigentlich nur drei Dinge ernsthaft:

  1. „Schweres Gerät“
  2. Dunkelheit und Zeit
  3. Herbizide (hier speziell gegen Einkeimblättrige)

Fangen wir von hinten an. Herbizide verwende ich in meinem Garten aus Prinzip nicht. Dunkelheit und Zeit ist eine Möglichkeit, die häufig in der Permakultur angewendet wird. Man deckt dabei den Rasen mit einem lichtundurchlässigen Material ab und wartet ab, bis der Rasen aufgrund des monatelagem Lichtmangels abgestorben ist. Als Material kommen dabei Kartonagen, schwarze Folien aber auch Stroh etc. zum Einsatz. Damit habe ich bislang keine Erfahrung, insofern kann ich über den Effekt nichts Positives oder Negatives sagen, außer, dass es mir zu lange dauert und der Boden danach noch nicht in lockerer Krume zur Verfügung steht. Bei größeren Flächen, dei man eh nicht innerhalb einer Saison umbrechen kann, scheint das aber durchaus Sinn zu machen.

Zweifelsohne ist für mich deshalb das „Schwere Gerät“ das Mittel der Wahl auf meinen paar Quadratmetern. In der Landwirtschaft wäre das der Pflug, der (u.a.) dazu dient Weideland in Acker umzubrechen. Im (kleinen) Nutzgarten, wie bei mir, ist das entweder eine schwere Hacke oder eben der gute alte Spaten. Letzterer ermöglicht auch eine sehr tiefe Form der Bodenbearbeitung, das sogenannte „Rigolen“. Anders als das gewöhnliche „Umgraben“, bei dem einfach Erdschollen abgestochen und gewendet werden, wird beim Rigolen durch Anwendung einer speziellen Technik eine zwei (oder mehr) spatentiefe Bodenbearbeitung möglich. Am Ende des Rigolens liegt ein garantiert graswurzelfreier und tiefgründig gelockerter, weitestgehend steinfreier Boden sowie i. d. R. mindestens eine Blase und ein butterweiches Kreuz vor.

Benötigte Geräte und Vorarbeiten zum Rigolen

Grundsätzlich sollten diese Arbeiten ausschließlich an einem abgetrockneten Boden erfolgen. Je nach Bodenart darf also mehrere Tage kein Regen gefallen sein. Missachtet man das, sind nicht nur die Erdschollen, die abzustechen und zu wenden sind deutlich schwerer, sondern sie zerfallen auch beim Wenden / Werfen ins Loch nicht. Das Ganze wäre dann nicht nur anstrengender als nötig sondern man hätte auch ein unbefriedigendes Resultat.

Man nehme also:

  • einen Spaten (wenn stumpf, dann noch schnell schärfen, das merkt man am Ende des Tages)
  • Zwei kleine Pflöcke mit Schnur (z. B. angespitzte Besenstiehle zu je 30 cm mit dünner Hanfschnur / Paketschnur)
  • Zollstock
  • Schubkarre
  • Eimer
  • ggf. Beil

Man steckt sich nun mit den Pflöcken einen Streifen Rasen ab, den man rigolen möchte. Dieser kann prinzipiell beliebig lang sein, sollte aber eine Breite von 1 – 2 m aus Gründen der Handhabbarkeit nicht wesentlich überschreiten. Man teilt diesen Streifen dann gedanklich in zwei gleichbreite Längsstreifen. Im vorderen Bereich des ersten Längstreifens hebt man mit dem Spaten die Grassnarbe ab und legt sie in die bereitgestellte Schubkarre. In die freigelegte Erde gräbt man ein etwa quadratisches, zwei Spaten tiefes Loch, dessen Breite sich aus der Breite des gewählten Längsstreifens ergibt. Die hier gewonnene Erde lagert man am vorderen Bereich des zweiten Längsstreifens (siehe Bild).

Schema Rigolen mit Aushub des 2 Spaten tiefen Lochs zu Beginn mit seitlicher Lagerung des Aushubs (Pfeil) und Votriebsrichtung des Rigolens im späteren Verlauf (gestrichelte Pfeile)

Schema Rigolen mit Aushub des 2 Spaten tiefen Lochs zu Beginn mit seitlicher Lagerung des Aushubs (Pfeil) und Votriebsrichtung des Rigolens im späteren Verlauf (gestrichelte Pfeile)

Das Rigolen: Tiefenlockerung mit dem Spaten

Man beginnt nun die Grasnarbe des ersten Streifens weiter abzutragen und vorsichtig in die Schubkarre zu legen (zur weiteren Verwendung, siehe ein späterer Artikel). Ist das geschehen, stellt man sich auf die freigelegte Erde an den Rand des ausgehobenen Lochs und sticht mit dem Spaten zwei Spaten tief nach und nach Erdschollen ab und wirft sie an das andere Ende des Lochs.

Dabei bewegt man sich mit dem Rücken voran langsam in Richtung der gestrichelten Pfeile im Schema (Bild). Jetzt wäre es auch ein sehr guter Zeitpunkt wenn Steine oder Wurzeln (ggf. mit Beil lösen) zu Tage kommen diese auszulesen, in den Eimer zu werfen und zu entsorgen, sonst gibt es im Extremfall nur krumme Möhren. Neben Steinen und Wurzeln können auch überraschende Dinge zu Tage kommen wie in meinem Fall eine alte Parfumflasche, ein alter Keramikpfeifenkopf, diverse Knöpfe, Porzelanscherben etc.

Fortschritt des Rigolens: Grasnarbe (a), abgestochene Grassoden (b), abgestochene Erde (c), fertig rigolter Acker (d) und Erde, die zu Beginn ausgehoben und seitlich gelagert wurde, um nach Abschluss des Rigolens das verbleibende Loch zu füllen

Fortschritt des Rigolens: Grasnarbe (a), abgestochene Grassoden (b), abgestochene Erde (c), fertig rigolter Acker (d) und Erde, die zu Beginn ausgehoben und seitlich gelagert wurde, um nach Abschluss des Rigolens das verbleibende Loch zu füllen

Ist man am Ende des ersten Längsstreifens angelangt, wechselt man hinüber zum zweiten und verfährt in der gleichen Weise bis man schlussendlich wieder am Anfang angelangt ist. Dort verbleibt nun — logischer Weise — ein Loch. Praktischerweise genau neben dem Aushub, den wir zu Beginn dort gelagert haben, wir müssen also nur noch das Loch damit füllen.

Weiter fortgeschrittenes Rigolen

Weiter fortgeschrittenes Rigolen

Was kommt nach dem Rigolen?

Der Boden liegt nun in mehr oder minder gelockerter, scholliger Struktur vor. Durch die Lockerung entstehen natürlich auch Hohlräume, so dass das Bett nachher wie ein Hügelbeet erscheint, was sich aber nach wenigen Monaten wieder setzt. Die schollige Erde kann man nun entweder über den Winter offen liegen lassen in der Hoffenung, dass starke Fröste die Krume brechen. Sind die Winter eher mild, sollte man die Schollen händisch zerkleinern z. B. mit einer rheinischen Hacke oder bei leichterem Boden mit einem Kultivator. Nachdem man den Boden anschließend mit einer Harke glattgezogen hat (sofern man bei einem Hügel von glatt schreiben kann), ist das Bett saatbereit.

Was passiert nun mit den Grassoden?

Die Grasssoden, die vor dem eigentlichen Rigolen abgestochen wurden, kann man auf mehrere Arten weiterverwenden.

  1. Ausbessern von Fehlstellen
  2. Anzucht von Gemüsesamen
  3. Einlegen auf die Sohle der rigolten Fläche
  4. Kompostierung in Form eines Hügelbeets

Hat man noch andere Rasenflächen im Garten mit größeren Fehlstellen kann es Sinn machen die Grasssonden zur Aubesserung zu verwenden. Der Rasen wächst — ähnlich wie Rollrasen — sehr rasch an, sofern man ausreichend giesst und ihn nicht betritt. Voraussetzung dazu ist aber, dass die Grasssoden sehr sauber abgestochen werden und der Rasen noch hauptsächlich aus Gräsern und nicht aus Moos besteht.

In Kunert (1920) ist zu lesen, dass früher wohl häufiger Grassoden verwendet wurden, um z. B. Gurkenpflanzen aus Samen darin zu ziehen. Dazu legt man die Grassoden mit der Erdseite nach oben auf eine Unterlage und schneidet mit einem Messer ein Schachbrettmuster in die Soden. Die so entstehenden Würfel müssen jedoch zusammenhängend bleiben. In jeden Würfel sticht man ein kleines Loch, gibt ein bis drei Samen hinein, giesst an und lagert die Soden entsprechend den für die verwendeten Samen optimalen Bedingungen. Die Pflänzchen kann man dann nach Kunert (1920) in dieser Form gut transportieren. Zum Einpflanzen bricht man einfach die einzelnen Würfel auseinander. Das wäre sicher man einen Versuch wert. Da man aber nur sehr selten rigolen muss (eigentlich nur, wenn man Fläche hinzugewinnen möchte), gleichzeitig zur Anzucht aber nur wenige Soden bräuchte kann das Verfahren nicht hinreichend sein, um alle Grasssoden zu verwerten.

Petersen (1929) empfiehlt die gewonnenen Grassoden direkt mit der Erdseite nach oben in die beim Rigolen enstehenden Löcher zu legen. Dadurch, dass man die Soden so tief und umgedreht ins Erdreich bringt, sollte das Grass sicher absterben und in der nächsten Saison keinen Ärger machen. Bei dieser Vorgehensweise muss man die Grassoden nicht transportieren, verbraucht keine Fläche zum kompostieren etc. Ich habe das getestet und fand diese Möglichkeit nicht gut umsetzbar, das immer Erde nachgerutscht ist, die Grassoden also nie wirklich direkt auf der Sohle lagen. Bei einem festeren Boden mag das allerdings die beste Variante sein, einfach testen.

Ich habe mich schlussendlich für die letzte Variante entschieden. Dazu schichtet man die Grassoden mit der Erdseiten nach oben als Hügel auf. Dabei wie bei einer Mauer „überlappend“ arbeiten, damit das ganze Gebilde auch hinreichend stabil ist.

Aufschichtung abgestochener Grassoden als temporäres "Hochbeet" zur Kompostierung

Aufschichtung abgestochener Grassoden als temporäres „Hochbeet“ zur Kompostierung

Sofern man noch kompostierfähiges Material hat, kann man damit auch das Innere füllen, ansonsten wird auch das Innere mit nach untern gedrehten Grassoden gefüllt. Der Form des Gebildes sind keine Grenzen gesetzt, man kann es auch als gestalterisches Element für eine Gartensaison einsetzen. Die Oberfläche wir mit guter Erde abgedeckt und es kann unmittelbar darin ausgesät oder ausgepflanzte werden. Die kompostierenden Grasssoden setzen reichlich pflanzenverfügbaren Stickstoff frei, so dass Starkzehrer wie Kohl, Zucchini, Gurken, Kürbis, Tomaten etc. ganz ausgezeichnet wachsen. Wenn die Grassoden für mindestens eine Gartensaison kompostiert wurden, kann die aufgesschichtete Erde wiedre abgestragen und auf den übrigen Beeten verteilt werden.

Bepflanzung der kompostierenden Grasssoden

Bepflanzung der kompostierenden Grasssoden

Ich hatte die kompostierende Grassoden zunächst mit Zucchini (ab Mai 2014), dann mit Schnittsalat und Buschbohnen (Frühjahr 2015) und anschließend mit Fenchel bepflanzt. Letzterer ist mir augrund meines nicht-Giessens direkt in die Blüte übergegangen, so dass eine Ernte entfiel. Aufgrund der warmen Temperaturen steht er aber immernoch fleißig blühend auf dem Hügel (siehe Bild). Die Grassoden sind nach inzwischen fast zwei Jahren vollständig kompostiert. Einzelne Soden oder Halme sind nicht mehr erkennbar, der ganze Haufen besteht nun aus lockerer, mit feinen Wurzeln durchzogener Erde (siehe Bild). Wie lange die Kompostierung tatsächlich dauerte kann ich nicht sagen, da ich den Haufen zwischenzeitlich nicht „angestochen“ habe.

Kompostierende Grassoden im Dezember 2015 mit blühendem Fenchel

Kompostierende Grassoden im Dezember 2015 mit blühendem Fenchel

Fertig kompostierte Grassoden  im Dezember 2015

Fertig kompostierte Grassoden im Dezember 2015

 

 

 

 

 

 

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